Islandhengst Rakni frá Holtsmúla I

Die Ausbildungsskala der FN

Oft zitiert, oft diskutiert, immer noch häufig fehlinterpretiert. Der Ausbildungsskala der deutschen reiterlichen Vereinigung.
Was genau ist das und wie ist sie zu gebrauchen?

Die Skala der Ausbildung ist ein 'Ausbildungssystem' für Pferde und im Bezug auf die klassische Pferdeausbildung ein immer wiederkehrender Begriff. Es beinhaltet wichtige Punkte, die in der Ausbildung des Pferdes durchlaufen werden sollen. Das Pferd soll hierdurch physisch und psychisch zur vollen Entfaltung seiner Möglichkeiten gebracht werden.
Die Ausbildungsskala umfasst sechs Punkte:

1) Takt
2) Losgelassenheit
3) Anlehnung
4) Schwung
5) Geraderichtung
6) Versammlung

Übergeordnet ist das Ziel, ein durchlässiges, zufriedenes und gesundes Reitpferd heran zu bilden. Basis ist die Zwanglosigkeit der Ausbildung.
Die abgekürzte Form gibt drei Phasen vor, die ineinander übergehen. Jeder Teil ist im Wechselspiel voneinander abhängig:

1) Gewöhnungsphase (Takt, Losgelassenheit, Anlehnung)
2) Entwicklung der Schubkraft (Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung)
3) Entwicklung der Tragkraft (Anlehnung, Schwung, Geraderichtung, Versammlung)

Die Entstehung der Ausbildungsskala

Die Skala der Ausbildung entwickelte sich aus der Heeresdienstverordnung 1912 (H.Dv. 12). Hier gab es den Teil C: Ausbildung der Pferde. Hierin beschäftigte man sich mit den Grundsätzen der Ausbildung für 'Remonten' (Jungpferde) im ersten und zweiten Ausbildungsjahr.
Als erster Teil wird die Gymnastizierung aufgegriffen:

Ziele und Grundsätze der Dressur

a) Die Gewöhnung an das Reitergewicht
b) Takt, Losgelassenheit
c) Entwicklung des Schubkraft des Ganges
d) Geraderichten
e) Durchlässigkeit, Beizäumung
f) Entwicklung der Tragkraft, Versammlung
g) Entstehung der Aufrichtung
h) Gebrauchshaltung
i) Dressurhaltung

Aus dieser Liste entstand später in den 50iger Jahren die heutige 'Ausbildungsskala' der FN. Dass der Begriff heute eine so große Bedeutung erlangt hat, ist im Großen und Ganzen auf die Bemühungen von Horst Niemack zurückzuführen (General a.D., Angehöriger der Kavallerieschule, später Leiter der deutschen Reitschule in Warendorf).

Die Interpretation und ihre Fehler

Fehler 1
Die Ausbildungsskala gilt für die Ausbildung eines Dressurpferdes!
Die Skala der Ausbildung ist ein Richtsystem für die Gymnastizierung von Pferden, nicht für die Dressierung von Kunststückchen. Es ist egal ob der Schwerpunkt in der Dressur, im Fahrsport, im Gangpferdesport, im Springen oder irgendwo anders liegt. Auch die Westernszene hat eine sehr ähnliche Skala, während der IPZV die Skala der FN zum Beispiel direkt übernommen hat.

Fehler 2
Die Versammlung kommt nach vielen Jahren ganz am Schluss. Ich reite mein Pferd zwanzig Jahre und erreiche vielleicht irgendwann mal (hoffentlich) die Versammlung. Außerdem ist Versammlung überhaupt erst ab einem gewissen Alter ohne Gesundheitsschäden möglich.
Einer der Punkte über die man sich streiten kann.
Die Ausbildungsskala ist eine AUSBILDUNGSskala. Sie ist vorwiegend für die GRUNDausbildung vier bis fünf jähriger Pferde gedacht! Die Ausbildungsskala ist ein Richtsystem um das Pferd auf den eigentlichen Gebrauchszweck vorzubereiten. Je länger ein Pferd konstant in der absoluten Aufrichtung schief unter dem Reiter läuft, desto länger wird sein Bewegungsapparat überlastet. Knochen, Sehnen, Bänder und Muskeln werden durch Verspannungen und unverhältnismäßige Krafteinwirkungen bis ans äußerste getrieben und nachhaltig geschädigt. Das Pferd kann nicht in dem Gehorsam an den Reiterhilfen stehen, wie dies von seinem Reiter gewünscht ist. Die daraus interpretierte 'Unwilligkeit' wird häufig noch durch Schmerzeinwirkung mit scharfen Gebissen, harter Hand oder Strafe quittiert.

Fehler 3
Ich muss die Skala Punkt für Punkt abarbeiten. Ohne Takt kann ich nicht mit Losgelassenheit beginnen...
Alle Ausbildungspunkte bedingen sich gegenseitig. Man kann niemals einen Punkt gesondert und statisch betrachten.
Die Reihenfolge der Ausbildungsskala ist heiß diskutiert. Man kann die Ausbildungsskala nur als Richtwert betrachten, nicht als Treppe, an deren unterste Stufe der Takt steht. In der Regel kann man sie drehen und wenden wie es gerade passt. Um hier ein klareres Bild zu setzten, existiert seit einiger Zeit der Ausbildungsbaum als Interpretationshilfe.

Ein Beispiel:
Damit ein Pferd im Takt läuft, muss es losgelassen sein. Damit es aber losgelassen sein kann, muss es gelernt haben sich zumindest schon minimal gerade zu richten. Damit es gerade gerichtet sein kann, muss es sich in einem gewissen Maß versammeln können. Hierdurch ergeben sich dann erst die Anlehnung an die Reiterhand und schließlich die Schwungentfaltung durch Rahmenerweiterung.
Zusätzlich fehlen Begrifflichkeiten, die voraussetzend sind, zum Beispiel Vertrauen...
Vertrauen müsste demnach eigentlich an der allerersten Stelle stehen, denn es ist der Nährboden für eine erfolgreiche Arbeit zwischen Pferd und Reiter, aber auch hier kann man im Umkehrschluss sagen: Vertrauen bildet sich erst durch gerechte und gewissenhaften Umgang mit dem Pferd, sei es am Boden oder im Sattel.

Letztendlich muss man immer individuell von Pferd zu Pferd entscheiden wie man in der Abfolge am besten vorgeht. Eine eindeutige, unumstößliche 'Bediehnungsanleitung' für Pferde gibt es nicht und auch die Ausbildungsskala stellt keine dar. Mensch und Pferd sind Lebewesen und jedes davon ist einmalig auf dieser Welt. Es gibt viele Richtsysteme an denen wir uns orientieren können und die uns Hilfestellung leisten, doch den genauen Weg muss jeder für sich selbst finden.

 

Ausbildungsbaum