Islandhengst Rakni frá Holtsmúla I

Ursprung der klassischen Reitweise

Ihren Ursprung hat die klassische Reitweise vor allem in der militärischen Nutzung des Pferdes. Auch die heute gültige Reitlehre ist noch stark hierdurch geprägt und viele Dinge tun wir nur, weil dies so aus militärischer Sicht damals sinnvoll war (natürlich enthält die Reitlehre daneben auch viele fürs Pferd sinnvolle Aspekte).

In den vergangenen Zeitepochen war das Pferd für die Menschen in vielerlei Hinsicht überlebenswichtig, nicht nur als Truppentransportmittel. Zuerst als Fleischlieferant, dann auch als Arbeitstier zum Transport und dann als Kriegswaffe. Unberittene Krieger hatten keine Chance gegen die Übermacht berittener Soldaten. Hieraus entstand früh die Passion, sich mit der Haltung und Reitweise ausgiebig auseinander zu setzten, da Pferde einen strategischen Vorteil darstellten. Schon in der Antike machen sich die Menschen Gedanken, wie man ein Pferd am besten ausbilden sollte. Einer der heute noch zitierten Gründerväter ist der griechische Xenephon, der schon um 365 v. Chr. ein schriftliches Werk über die Pferdeausbildung verfasst hat und der sich damals schon für eine respektvolle, pferdegerechte Reitweise aussprach (auch wenn dieser vielleicht anders aussieht als in unserem heutigen Verständnis).

Die heutigen Reitrichtlinien der FN - und somit auch des IPZV - sind im Wesentlichen der H.Dv. 12 entnommen, der ‚Heeresdienstvorschrift 1912‘. Diese wurde zuletzt im Jahr 1937 aktualisiert, also um die Zeit des zweiten Weltkrieges, welcher übrigens auch die größte Reiterschlacht der Geschichte war, wie reiten quasi nach Offiziersvorgaben.

Bis zum Ende des zweiten Weltkriegs taten allein etwa 2,8 Mio. Pferde ihren Dienst auf deutscher Wehrmachtseite. Über 60 Prozent davon kamen im Kriegsgeschehen ums Leben.
Pferde hatten damals im Durchschnitt nur etwa vier Jahre Lebenserwartung, ein Kraftfahrzeug zu dieser Zeit jedoch nur eines bis es komplett ausviel. Meist versagte ein LKQW schon nach sieben Wochen den Dienst. Die industrielle Möglichkeiten die Kraftfahrzeuge, sowie die dafür benötigten Betriebs- und Hilfsstoffe bereit zu stellen war zudem sehr eingeschränkt. Das Pferd war taktisch, ökonomisch und technisch vorallem zu Logistikzwecken (dem Transport von Menschen, Waffen, Verpflegung etc.) dem mittlerweile in Großserie produzierte Verbrennungsmotor immernoch überlegen und das trotz des erheblichen Futterversorgungsaufwands.

'Klassisch reiten' ist aktuell ein Modebegriff. Doch was genau ist eigentlich 'klassisch', 'klassisch-barock' und wie unterscheidet sich das von 'Dressur reiten'?
Hat 'Klassik' etwas mit der gleichnamigen Literaturepoche zu tun? Reitet man da nach Wieland, Goethe und Schiller? Auch beim Wort Barock kann man zunächst nur eins eindeutig definieren: Das Zeitalter, dem es zugeordnet wird (ca. 1600 bis 1750). Soweit so gut. Und selbstverständlich wurde da auch geritten, zumeist auf iberisch anmutenden Pferden, wenn man sich die Gemälde aus jeder Zeit ansieht. Auch heute ordnet man der 'klassisch-barocken' Reiterei eindeutig solche Pferdetypen zu. Warum eigentlich? Und was ist jetzt genau so barock am barocken Reiten und so anders am FN-Dressursport?

Machen wir auf unserer Suche einen kleinen Umweg und wenden uns zunächst einmal näher dem ‚barocken‘ Pferdetypus zu.
Was ist das überhaupt?
Beim 'Barockpferdetyp' kommt es tatsächlich weniger auf Rasse, lange Mähnen und exaltierte Bewegungen an, sondern auf Physis und Psyche und das hat seine Gründe in der Einsatzweise. Ein ideales 'Barockpferd' sollte im Quadrattyp stehen, eher kleiner sein, gut bemuskelt, mit starkem Fundament, kompakt und tragfähig. Es sollte nervenstark, kooperationswillig und gelassen, gleichzeitig aber auch wendig, reaktionsschnell und temperamentvoll sein. Dies lag in ihrer Einsatzweise begründet.

Die Ausbildung zu Nahkämpfern

In den Zeiten in denen es noch keine Artillerie gab waren die Kriege von ganz anderer Sorte. Kriege wurden hauptsächlich im Nahkampf mit Nahkampfwaffen ausgetragen, z. B. Schwertern oder Lanzen. Im Nahkampf brauchte man Pferde, die man auf dem Teller drehen konnte. Das mussten Pferde sein, die auf kleinste Hilfen hin flinke Richtungs- und Tempowechsel vollführten. Pferde, die auf allen Hufen gleichermaßen agil waren, die vorne und hinten steigen und auskeilen konnten um sich im dicksten Getümmel Raum zu verschaffen. Diese Pferde mussten leicht in der Hand sein und nötigenfalls nur auf Gewichtshilfen gelenkt werden können, schließlich mussten die Hände frei bleiben. Außerdem durfte das Tier auch in entsprechenden Situationen nicht scheuen. Eine Ausbildung solcher Pferde war aufwendig, langwierig und extrem kostspielig. Das Kriegspferd eines Ritters kostete im Mittelalter so viel wie ein ganzes Dorf und wurde dem Ritter in der Regel durch den Lehensherrn gestellt. Selbst auf eigene Kosten leisten konnte sich der Ritter ein Pferd meist nicht.
Damit ein Pferd diesen Dienst erfüllen konnte musste Wert auf eine gute Ausbildung und Reitweise gelegt werden, noch umso mehr, da die ‚Funktionalität‘ des Pferdes im Ernstfall darüber entschied, ob der Reiter überlebte oder nicht. Die Reitmeister dieser Epochen sammelten so im Selbststudium über die Jahre ein großes Wissen über die Ausbildung ihrer Pferde.
Ein heutiges Beispiel für ähnlich ausgebildete Pferde ist z.B. die Arbeitsreitweise des Working Equitation. Übrigens entwickelte sich auch die heutige Westernreiterei aus solchen 'klassischen' Arbeitsreitweisen.
http://www.youtube.com/watch?v=5895K-Xjupk

Heutzutage dominiert eher das im Rechteck-Typ stehende Pferd. Gerade das deutsche Warmblut und die ihm artverwandten Pferderassen, die heute weltweit den Turniersport bestimmen, entstammen erst relativ jungen Zuchtlinien. Sie sind Quer- und Weiterzüchtungen aus den Kavalleriepferden des 19. Jahrhunderts. Auch das hat mit den Kriegsgeschehnissen und der Einsatzweise der Pferde zu tun.

Napoleons Edikt

Zur Zeit Napoleons und danach waren Mischungen aus vollblütigen Pferden und den schwereren Warmblütern der jeweiligen Regionen modernes Kriegs- und Transportgerät. Ihre Stärken lagen im Raumgriff und im Vorwärtsdrang, beides Eigenschaften, die vor allem die Kavallerie zu schätzen wusste wenn es galt, die feindliche Artillerie in wilden Angriffskavalkaden zu überrennen.
Weder Mensch noch Pferd hatten im Anbetracht der aufkeimenden Feuerwaffen eine Chance im Nahkampf. Die einzige Möglichkeit war, die Geschütze bzw. ihre Schützen so schnell wie möglich niederzurennen. Dafür benötigte man Pferde, die im herdengetriebenen Galopp nicht mehr zu stoppen waren, egal welche Hindernisse im Weg standen. Gefragt war also maximale Beschleunigung und nicht mehr Versammlung und Wendigkeit. Damit waren auch die bisherigen europäischen Zuchtlinien nicht mehr zu gebrauchen. Das `moderne´ Kavalleriepferd hatte das altmodische 'Barock'pferd aus der taktischen Kriegsführung verdrängt, es war nur noch für den Karren oder zur Feldarbeit zu gebrauchen. Napoleon erlies sogar ein Edikt mit dem Befehl in alle alten Linien den Vollblüter einzukreuzen. Es entgangen nur solche Zuchtlinien, die nicht in seinem Wirkungs- oder Interessenbereich lagen oder durch die Widersetzlichkeit deren Züchter. Den Kartäusermönche z.B. ist es zu verdanken, dass es heute noch die PRE als barocke Pferde gibt. Sie züchteten still und heimlich hinter verschlossenen Türen weiter reinblütig ihre Pferde, die heute 'Cartujanos' genannt werden. Nur durch diese reine Cartujanopopulation ist der Spanier heute noch bzw. wieder ‚barock‘.

Der Beginn des Wettkampfreitens

Im Laufe der Zeit wurde also die frühere Kriegstechnik des Nahkampfes zu Pferde überflüssig. Das ‚Barockpferd‘ und dessen Ausbildung zum Nahkämpfer verschwanden aber nicht völlig. Es wurde zum Statussymbol des Adels. Es sollte Elite, Feuer, Eleganz, Kraft und Temperament ausstrahlen und gehörte zur Romanze dieser Epochen. An den Königshöfen gründete man Hofreitschulen, die feierlich nach den alten ‚Tugenden‘ ausbildeten. Das Reiten und die Pferdeausbildung wurden zur Kunst. Zusammen mit Fechttraining und Musikschule zählten sie zu dem damaligen ‚Livestyle‘ und zur Demonstration von Standesdünkeln. Aus dieser Zeit stammt übrigens auch der Begriff 'Kavalier'.

Beim Kavalleriepferd der großen Reiterschlachten im ersten und zweiten Weltkrieg ging es vor allem um Kadavergehorsam. Die Regimenter wurden immer größer und man musste in immer kürzerer Zeit Reiter und Pferde ausbilden um den 'Nachschub' zu sichern. Die Verluste waren erheblich und es war nicht selten, dass an den Frontlinien in kürzester Zeit bis zu 90% der Pferde ersetzt werden mussten.
Die Ausbildung wurde auf das beschränkt, was für das Überleben notwendig war und das waren eben andere Aspekte als in den vorherigen Epochen. Der Leitfaden für die Ausbildung von Pferd und Reiter zu dieser Zeit fand seine Niederschrift in den Heeresdienstverordnungen, nach denen wir heute noch reiten.
Den Übergang zum heutigen Hobby bildeten dabei die Offizire und Generäle. Sie wollten gut ausgebildete, komfortable Gebrauchspferde, die gleichzeitig ihren Rang und Status unterstrichen.
Die Offiziere waren es auch, die den Wettkampf ins Leben riefen, der bis heute in den Sparten Dressur-, Spring- und Geländeprüfungen seinen Fortlauf hat. Sie begannen Turniere auszutragen um die bestausgebildeten Pferde und Reiter zu ermitteln, genau so wie der frühe Adel, ein Statussymbol. Geprüft wurden alle Disziplinen, die militärisch gesehen einen Vorteil verschafften.
Diese Wettbewerbe entwickelten sich rasch weiter. Schon im Jahr 1912 wurde bei den olympischen Spielen dann das erste Mal eine Dressurprüfung abgehalten, damals nur für Offiziere, doch der Weg zum zivilen Freizeitsport war nicht mehr weit.

Was nun ist die klassische Reiterei also genau und wie grenzt sie sich ab?

Der Begriff 'Klassisch' hat also gewiss nichts mit der Literaturepoche zu tun und entstammt auch keinem modernem Reiter-Guru. Die klassische Reitlehre beruft sich auf das alte, vielfach bewährte Wissen ehemaliger Reitmeister, das über viele Epochen hinweg gesammelt wurde. Ein allgemeingültiges, mode- und reitweisenunabhängiges und Generationen-erprobtes Ausbildungssystem auf Grund physiycher und psychischer Gegebenheiten von den Anfängen des jungen Pferdes (Remonte) bis zur höchsten Versammlung und dem Ziel Pferd und Reiter so zu schulen, dass sie möglichst gesund erhalten werden und harmonieren. Ganz egal ob ich nun Gang-, Springsport oder Barock reite.

Ob nun verschiedene Reitweisen wirklich so verschieden sind, darüber lässt sich streiten. Grob unterscheiden kann man vielleicht folgendermaßen:
Die FN- oder Englische Reitweise hat ihren Ursprung in der Heeresdienstverordnung der letzten großen Reiterschlachten. 'Barockreiten' oder die 'Akademische Reitweise' ist eine Rückbesinning auf die alten Traditionen der Fürsten und Adelshäuser als Kunst und Statussymbol.
Klassisch ausbilden kann man in all diesen Reitweisen. Unterscheiden tuen sich vielleicht die Lektionen und die Ausrüstung (begründet im ursprünglichen Zweck), die Ausbildungsskala bleibt aber im Großen und Ganzen überall die selbe.